Liebe Leser,

der Verfasser dieser Glosse hatte letzte Nacht einen Traum. Keinen Albtraum, wie er uns nach einem abendlichen, schwer verdaulichen Käsefondue sonst zu überfallen pflegt. Nein, diesmal ging der Traum anders. Er sah sich zu spät auf dem Weg zu einem teichwirtschaftlichen Ortstermin unterwegs. In seinen Träumen kommt er immer zu spät, oder er verfährt sich. Die Leute, die ihn diesmal vor Ort erwarteten, kannte er nicht; auch die Person, die sich ihm als Verhandlungsleiter vorstellte, war ihm fremd. Es standen ein gutes Dutzend Leute beieinander, alles Männer; sie trugen Kleider, wie sie längst aus der Mode gekommen waren, und alle hatten einen Hut auf.

Sie zogen diese Hüte vor ihm. „Wie schön, dass Sie noch gekommen sind“, sagte der Verhandlungsleiter, offenbar der Jurist des Landratsamtes. Die anderen Teilnehmer kamen von der Gemeinde, dem Wasserwirtschaftsamt, vom Naturschutz, vom Bauernverband und von der Presse. Ein Kind war auch darunter; es stand schüchtern im Hintergrund und erklärte sich als Stellvertreter seines erkrankten Vaters, des Antragstellers.
„Oh!“ Alle Anwesenden drückten dem Kind ihr Beileid aus und gaben ihm die besten Genesungswünsche für den Vater auf. Als es darüber noch schüchterner wurde, nahm der Verhandlungsleiter es in den Arm. „Mach dir keine Sorgen, Kleiner. Gemeinsam kriegen wir das schon hin! Sag uns, wie wir euch helfen können, und wir werden einen Weg finden.“
Dem Verfasser wurde das Wort erteilt; er durfte eine gute Viertelstunde lang ungestört referieren und dabei die Notwendigkeit der Maßnahme für den Erhalt des Traditionsbetriebes herausstellen. Die Gesichter der Zuhörer blieben glatt und freundlich; sie nickten immer wieder zustimmend. Der Wasserwirtschaftler stellte Verständnisfragen und machte zur Lösung eines technischen Problems einen Vorschlag, der so einfach und naheliegend war, dass der Verfasser sich wunderte, nicht selbst auf den Gedanken gekommen zu sein.
Die beiden Naturschützer erklärten, sie sähen keine Probleme, sondern in allem, was der Vermaisung der Region entgegengestellt würde, einen Vorteil. Vielleicht könnte man den neuen Absetzteich als Biotop gestalten? Um die Qualität des benutzten Wassers machten sie sich keine Sorgen – wenn die derart gut sei, dass so empfindliche Fische wie Äschen und Forellen darin groß werden könnten, müsste es für die Kerfe, die Schnecken, die Libellen und die Wasseramsel ja wohl auch noch reichen.

Beim Betriebsgebäude runzelte der Chef des Bauamtes die Stirn. „Was? Mit so einer Klitsche wollt ihr die ganze Anlage im Griff haben und eine vernünftige, regionale Vermarktung aufbauen? Niemals!“ Sein Rotstift flitzte über den Plan und zeichnete da und dort Flächen dazu. “So geht das! Wenn dein Papa mit der Neuplanung nicht zurechtkommt, soll er mich anrufen oder vorbei kommen. Dann helf ich ihm!“ Schließlich ging es noch um die Laufzeit der wasserrechtlichen Erlaubnis. Befristet oder unbefristet? Und wie lange? „Das Beste wäre für alle, wenn wir es unbefristet erlauben“, sagte der Jurist. „Dann haben wir im Amt die wenigsten Scherereien, du und dein Papa die größtmögliche Planungs- und Betriebssicherheit und die Landkreisbevölkerung auf Dauer immer frischen Fisch. Darauf kommt’s uns doch in erster Linie an, nicht wahr?“ Er griff in die Tasche, holte einen großen Karamellbonbon heraus und schenkte ihn dem Kind. Erst da wachte der Verfasser klopfenden Herzens auf, versuchte, in die Wirklichkeit zurück zu finden und sah nach Datum und Uhrzeit. Nein, es war nicht Februar 1910, sondern 2018. Die Teichanlage gab es tatsächlich und den Ortstermin auch. Aber zu dem hatte man ihn gar nicht erst eingeladen. Die gute, alte Zeit war nicht immer gut, liebe Leser. Aber manchmal viel menschlicher als heute.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Peter Wißmath